Zum Themenschwerpunkt

Wissenschaftssprache

Autorin: Tanja Fohr

Der allgemeine Trend an deutschen Hochschulen geht zu einer Monolingualisierung der Wissenschaftssprache. Das heißt konkret, dass sich das US-amerikanische Englisch als Medium relevanter Wissenschaftskommunikation immer mehr durchsetzt. Ehlich (vgl. 2006: 23) begründet diesen Trend unter anderem mit der sprachlichen Ökonomisierung zur Erhöhung der maximalen Austauschgeschwindigkeit von wissenschaftlicher Innovation.[1]

Der Einsatz für die wissenschaftliche Mehrsprachigkeit ist trotz dieser Tendenz der Vereinheitlichung durch den hegemonialen Wissenschaftsbetrieb groß und auch zentral, um der gesellschaftlichen wie individuellen sprachlichen Verarmung entgegen zu wirken und die Multiperspektivität auf den Forschungsgegenstand zu bewahren. Zur Förderung des Deutschen als Wissenschaftssprache ist es daher zunehmend wichtiger, nicht nur aus linguistischer Sicht das Repertoire und die Besonderheiten der wissenschaftssprachlichen Strukturen zu untersuchen, sondern auch ein Augenmerk auf die Vermittlungspraxis zu legen. Lehr- und Lernkonzepte zur Vermittlung der deutschen Wissenschaftssprache auf der Basis empirischer Untersuchungen zu entwickeln und zu erproben, würde einen Beitrag zur Pflege und zum Ausbau der deutschen Wissenschaftssprache leisten. Die Wissenschaft als komplexes System verlangt eine entsprechende sprachliche Kompetenz, die je differenzierter entwickelt, ein höheres Komplexitätsniveau an Aussagen zu neuen Erkenntnissen ermöglicht. Eine demokratisch organisierte Gesellschaft ermöglicht den Zugang zu diesem wissenschaftlichen Wissen, was aber auch gleichzeitig einen Zugang zu seiner komplexen Wissenschaftssprache inkludiert. Voraussetzung für eine Teilhabe an wissenschaftlichen Innovationen und Erkenntnissen ist die Kompetenz, Wissenschaftssprache rezeptiv und produktiv nutzen zu können.

Eine explizite Förderung dieser wissenschaftssprachlichen Bereiche vor und während des Studiums leistet nicht nur einen Beitrag zu einem erfolgreichen Studium und der individuellen Mehrsprachigkeit, sondern trägt auch dazu bei, dass dem Trend der sprachlichen Verarmung im Wissenschaftsbetrieb entgegengewirkt wird.

Die Tagung zum Thema Wissenschaftssprachliche Kompetenzen im Hochschulkontext: fordern, fördern und evaluieren soll mit Vorträgen und Diskussionen nicht nur einen Beitrag zur sprachenpolitischen Diskussion rund um die Wissenschaftssprache leisten, sondern auch anhand von Forschungsergebnissen und Beispielen aus der Vermittlungspraxis Möglichkeiten zur Förderung der wissenschaftssprachlichen Handlungskompetenz aufzeigen.

 

Christian Fandrych wird in seinem Beitrag Deutsch und Englisch an Hochschulen im deutschsprachigen Raum: Empirische Ergebnisse und praktische Erfordernisse

die Studiensituation in internationalen Studiengängen an deutschen Hochschulen darstellen und ein kritisches Nachdenken über die sprachenpolitische Situation an deutschen Hochschulen im Allgemeinen anstoßen.

Des Weiteren stehen die sprachlichen Kompetenzen, die von den Studierenden zu Beginn und während des Studiums gefordert werden, im Vordergrund. Diese zu messen und die Eingangskompetenzen von internationalen Studierenden zu erheben, haben sich Tests wie TestDaF und die DSH zum Ziel gesetzt.

In dem Vortrag Testen schriftlicher hochschulspezifischer Kurzformen am Beispiel von Mitschrift und Exzerpt von Ulrike Arras wird aufgezeigt, inwieweit das Testkonstrukt TestDaF in den einzelnen Testteilen die Kompetenzen der angehenden Studierenden in Bezug auf diese Textsorten zu messen in der Lage ist.

Der Beitrag Studieren auf Deutsch – Wunsch wird Wirklichkeit von Marina Adams und Ute Koithan versucht, die Seite der Vorbereitung auf das Studium zu beleuchten. Anhand von Beispielen aus der Praxis von DSH-Vorbereitungskursen und studienbegleitenden Kursen werden inhaltliche sowie methodisch-didaktische Forderungen zur Vermittlungspraxis Wissenschaftssprache aufgestellt.

Helmuth Feilke und Martin Steinseifer stellen mit ihrem Vortrag Schreibend Streiten – Eristische[2] Textkompetenz bei Studierenden mit Deutsch als L1 und L2 ein modulares Seminarkonzept zur kontroversenorientierten Textproduktion vor. Die Darstellung empirischer Untersuchungsergebnisse aus diesem Seminar gibt Aufschluss zu den Erwerbsbedingungen und dem Ausdrucksrepertoir in Bezug auf die eristische Textkompetenz.

Garbiele Graefen zeigt in ihrem Beitrag „Die folgende Frage soll nun lauten: …“ Leserorientierung mit Konnektoren anhand der Analyse von konkreten Beispielen aus Seminararbeiten, aus welchen Gründen die eingesetzten Mittel zur Leserorientierung scheitern und wie eine Ordnung der wissenschaftlich gebräuchlichen Sprachmittel zur Textorganisation für die Vermittlungspraxis aussehen könnte.

Heike Brandl erläutert in ihrer Präsentation Wissenschaftliche Textproduktion in der Fremdsprache Deutsch – Curriculum des Deutschlernangebotes für internationale Studierende an der Universität Bielefeld den Aufbau und die Umsetzung eines fächerübergreifenden und modularisierten Deutschlernangebotes für Bachelor- und Masterstudiengänge.

Zusammengefasst zeigen die Vorträge exemplarisch, welche Anforderungen an deutsche wie internationale Studierende in Bezug auf die Wissenschaftssprache gestellt werden und welche neueren didaktisch-methodischen Konzepte entwickelt und erprobt wurden und werden, um deren sprachliche Handlungskompetenz zu fördern. Die Diskussionen rund um das Thema Wissenschaftssprachliche Kompetenzen im Hochschulkontext sollen einen kleinen Beitrag zur Reflexion der Sprachlichkeit von Wissenschaft leisten und die Notwendigkeit der (Sprach)-Pflege der spezifischen Wissenschaftskulturen ins Bewusstsein rufen.

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[1]Vgl. Ehlich, Konrad (2006): Mehrsprachigkeit in der Wissenschaftskommunikation – Illusion oder Notwendigkeit. In: Ehlich, Konrad/ Heller, Dorothee (Hrsg.): Die Wissenschaft und ihre Sprachen. Bern: Peter Lang, 17 – 39, 23

 [2] Eristik ist die Lehre vom Streitgespräch und die Kunst der Widerlegung in einer Diskussion oder Debatte. In Bezug auf die schriftlichen Kompetenzen bezieht sich der Ausdruck eristisch auf das Formulieren von argumentativen Texten. 

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